
Menschen & Ereignisse
Die ganz grosse Aufnahme
Eines seiner kürzlichen Fotoshootings machte der britische Fotograf David Yarrow in St. Moritz, dessen Charme und Glamour er auf seine unnachahmliche Weise eingefangen hat.
David Yarrow lacht über die Frage, ob er den berühmt-berüchtigten Cresta Run des St. Moritz Tobogganing Club selbst unternommen habe. «Nein, aber ich bin voller Bewunderung für alle, die es tun», sagt der gefeierte schottische Fotograf, der das Titelbild dieses Magazins im Winter 2023 aufnahm, als er beruflich in St. Moritz zu Besuch war. «Als ich unsere Interpretation der Schlittelbahn fotografierte, rutschte ich auf dem Eis am oberen Ende aus und schlug mir einen Zahn aus … Es war peinlich.»
Jetzt ist alles wieder in Ordnung und Yarrow hat guten Grund, sich über seine neueste Fotoserie zu freuen, die in oder in der Nähe des Badrutt’s Palace aufgenommen wurden. Es handle sich um eine leicht satirische Hommage an die Ikonographie von St. Moritz, sagt er. So treffen majestätische Alpenansichten auf klassische Sportwagen, es gibt hoch toupierte Frisuren, es herrscht der Stil der 1970er Jahre.

Cresta, aufgenommen im St. Moritz Tobogganing Club, von David Yarrow
Cresta, aufgenommen im St. Moritz Tobogganing Club, von David Yarrow"/>
«Es ist natürlich eine Herausforderung, Fotos von einem Ort zu machen, der schon so oft fotografiert wurde, und dann zu erwarten, dass die Leute sie als Kunstwerke betrachten und gutes Geld dafür bezahlen», fügt er hinzu. «Viele Fotos sind zu ‹wörtlich›, zu ‹getreu›. Kunst soll aber doch kreativ sein und Raum für Interpretation lassen. Deshalb glaube ich, dass hier ein Element von Parodie angebracht ist. Ich möchte es nicht zu ernst nehmen. Alles – die Frauen, die Autos, der Ort, die historischen Details – soll das Gefühl vermitteln, dass dies kein normaler Ort ist», fügt er hinzu. «Es muss ein Gefühl der Übertreibung vorhanden sein, ein wenig in der Art derCoen-Brüder. Wenn man einen Gebirgspass fotografiert, dann sollte es der dramatischste Gebirgspass sein. Es gilt, die beste Kulisse zu finden, selbst wenn sie nicht im Fokus ist.»
Tatsächlich ist es kein Zufall, dass Yarrow die Gebrüder Coen zitiert, die für Klassiker wie Fargo und The Big Lebowski verantwortlich sind: Alle seine Arbeiten haben eine cineastische Qualität. Erstens wegen ihrer Grösse. Seine charakteristischen Drucke sind typischerweise überdimensional und, wie er es nennt, «wandzentriert». Zweitens wegen der Inszenierung und der Produktionsressourcen, die oft eine ganze Menge von Personen, Kostümen und sogar Tieren in schwierigen Umgebungen zusammenbringen. Kein Wunder, dass seine Aufnahmen oft Hunderttausende von Dollar kosten – die Kosten für die neueste St. Moritz-Serie schätzt er auf 200’000 US-Dollar. Das erzeugt natürlich einen gewissen Druck bei den Aufnahmearbeiten.

David Yarrows Besetzung und sein Inszenierungs- und Produktionsteam in St. Moritz, von David Yarrow
«Bei unserem Aufenthalt in St. Moritz war es recht mild, sodass es schwierig war, die Bilder zu machen, die wir geplant hatten, mit einem Gefühl von Winter und Kälte», erzählt er. «Man kann eben nicht alles nach Vorschrift machen. Man muss anpassungsfähig sein. 36 Stunden vor dem Shooting hatten wir nicht einmal daran gedacht, das Foto auf dem Titelblatt des Magazins mit dem Aston Martin DB5, der für seine Rolle in den James Bond-Filmen bekannt ist, vor dem Badrutt’s Palace zu machen. Die Idee kam erst zustande, nachdem sich jemand anerbot, das Auto aus Zürich hierher zu fahren. In diesem Job braucht man stets einen Plan B, einfach, weil es so viele Variablen gibt. Ausserdem braucht man Leute, die anpacken und mitmachen, die zum Beispiel nicht davor zurückschrecken, eine Ziege oder eine Kuh in eine ikonische Bar zu holen …»
Die Tiere, die Yarrow im Hotel fotografiert hat, wurden von örtlichen Landwirten zur Verfügung gestellt, die sich von dem spektakulären Katalog des Fotografen überzeugen liessen. Aber Yarrow ist es gewohnt, viel weniger gefügige, viel wildere Tiere abzulichten. Nachdem er als Sportfotograf begonnen hatte (er schoss das berühmte Foto des verstorbenen argentinischen Fussballers Maradona, der den Weltpokal in Mexiko in die Höhe reckt), machte er einen Abstecher in die Finanzwelt und das Hedgefonds-Management, bevor er zu seiner Kamera zurückkehrte und mit Fug und Recht behaupten konnte, die Naturfotografie neu erfunden zu haben.

Neuland Betreten
Yarrows Strategie beim Fotografieren von Wildtieren ist nicht die eines Hans-im-Glück mit einem grossen Objektiv. Er geht ganz nah an seine wilden Modelle heran. Mit spektakulären Ergebnissen, faszinierend und realistisch und frei von nachträglicher Manipulation. Das erklärt die grosse Popularität seiner Fotos. Aber Yarrow ist auch nicht der Typ, der sich in eine Dachkammer zurückzieht und für seine Kunst leidet: Seine Mutter war Künstlerin und, wie er nebenbei erzählt, ging bankrott, weil sie die geschäftliche Seite vernachlässigte.

The White Turf von David Yarrow: Yarrow brachte auch ein Pferd und einen Jockey in die Renaissance Bar, weil er spürte, dass die Hotelleitung – angeführt von Richard Leuenberger, dem Managing Director – seiner Idee gegenüber aufgeschlossen war. «Eine der besonderen Eigenheiten von St. Moritz ist es, dass es trotz des Reichtums und des übertriebenen Glamours überhaupt nicht spiessig ist. Stattdessen ist da dieser Sinn für das Erbe und die Bereitschaft, es zu zelebrieren. Pferde und Jockeys sind Teil davon, und Richard [Mitte, an der Bar] – der während des gesamten Projektsein wunderbarer Partner war – war einverstanden.»
«Es gibt ein Sprichwort, das ich meinem Team immer wieder in Erinnerung rufe: ‹Nichts ist kreativ, wenn es nicht kommerziell ist›», sagt Yarrow, der meist in Schwarz-weiss druckt, nicht nur wegen der Zeitlosigkeit oder der ästhetischen Reduktion, sondern weil es zu jeder Einrichtung passt. Im Laufe der Jahre hat er ein Netzwerk von Galerien auf der ganzen Welt aufgebaut, die seine Werke an vermögende Privatpersonen vermitteln. In St. Moritz wurde er in den letzten vier Jahren von Petra Gut Contemporary vertreten.

Badrutt’s by David Yarrow: «Ich wollte den grossen Eingang des Palace im Stil der 1960er Jahre fotografieren, als Anspielung auf die Zeit, als Gunter Sachs und Brigitte Bardot Hof hielten und dazu beitrugen, St. Moritz zum glamourösesten Wintersportort der Welt zu machen», sagt Yarrow. «Ich hoffe, die Betrachter finden, dass dieses Foto das Gefühl von Ort und Zeit ausdrückt. Was für eine Ära das gewesen sein muss! Wenn die Wände des Badrutt’s sprechen könnten, würden sie zweifellos Geschichten von Klamauk, Kapriolen und Glanz und Gloria erzählen, aber vor allem würden sie von der einen Konstante sprechen – der joie de vivre.»
«Die Menschen hier lieben ihren Ort aus guten Gründen. Und wer in St. Moritz lebt, wird sich kein Bild von einem Elefanten an die Wand hängen», lacht Yarrow, dessen nächstes Projekt eine Serie von Porträts von Sportstars ist, darunter die Skirennläufer Mikaela Shiffron und Aleksander Kilde.
«Das ist ein Projekt, von dem wir wussten, dass es einfach passieren musste», fügt er hinzu. «St. Moritz ist so legendär, mit seiner coolen, leicht verruchten Vergangenheit und der Idee, dass alles erlaubt ist, dass uns das alles in die Hände gespielt wird. Deshalb glaube ich, dass diese Fotos hier gut ankommen werden. All diese Hintergrundgeschichten werden eine Fülle von Emotionen hervorrufen. Und der Schlüssel zu guter Fotografie ist immer, eine emotionale Verbindung zum Betrachter herzustellen.»
Veröffentlicht in Dezember 2024
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