Tradition & Geschichte
Chalandamarz in St. Moritz:
Ein Guide zum Schweizer
Frühlingsfest

Am 1. März erklingen in St. Moritz Kuhglocken und läuten das Ende des Winters ein, in einer der ältesten Traditionen des Engadins
Am Morgen des 1. März erwacht St. Moritz anders als sonst. Über die gefrorenen Seen und durch die stillen Strassen klingen Kuhglocken, ihr heller Ton schneidet durch die klare Alpenluft. Es ist keine Inszenierung und keine für Besucher wiederbelebte Tradition. Es ist Chalandamarz, ein jahrhundertealtes Ritual, das symbolisch das Ende des Winters und den Beginn des Frühlings markiert.
Gefeiert wird Chalandamarz im ganzen rätoromanischsprachigen Kanton Graubünden, auch in St. Moritz und im Engadin. Seine Ursprünge reichen bis in die Römerzeit zurück, als der 1. März den Beginn des neuen Jahres markierte. Die Dorfbewohner zogen mit Glocken und Peitschen durch die Gassen und riefen Mars, den Gott der Sonne und der Erneuerung, an, um die kommende Jahreszeit zu segnen.




Echos der Vergangenheit
Heute lebt die Tradition in den Engadiner Dörfern weiter, vielleicht sanfter, aber nicht weniger eindrucksvoll. Kinder führen den Umzug an. Früh am Morgen versammeln sie sich in blauen Bauernkitteln, roten Zipfelmützen und Halstüchern. Sie tragen Glocken in allen Grössen, von kleinen Talacs bis zu schweren bronzenen Plumpas. Während sie durch ihr Dorf ziehen, singen sie auf Romanisch, einer der ältesten noch gesprochenen Sprachen der Schweiz. Die Verse erzählen poetisch vom schmelzenden Schnee, von grünen Wiesen und von Kühen, die auf die Weiden zurückkehren.
Jedes Kind übernimmt eine Rolle im Umzug. Die Jüngsten mit den leichteren Glocken stellen die Kälber dar, die Älteren mit den grössten Glocken die Kühe. An der Spitze gehen die Sennen, die das Tempo vorgeben und den Gesang anstimmen. In manchen Dörfern tragen ältere Mädchen Engadiner Trachten mit handbestickten Blumenapplikationen, die über Generationen weitergegeben wurden. Sie sammeln kleine Spenden von Zuschauern am Strassenrand. Die Bräuche unterscheiden sich von Dorf zu Dorf leicht und verleihen jeder Prozession ihren eigenen Charakter.
Vorbereitung und Stolz
Die Vorbereitungen beginnen Wochen im Voraus. Papier und Seidenblumen, sogenannte Rösas, werden von Hand gefertigt und sorgfältig an den Kostümen befestigt. Glocken werden gesucht, verglichen und ausgewählt, ihre Grösse ist ein stiller Ausdruck von Stolz. Seit der Veröffentlichung von Selina Chönz’ Kinderbuchklassiker Schellen-Ursli aus dem Jahr 1945, nach Heidi eines der bekanntesten Schweizer Bücher, ist der Wunsch, die grösste Glocke zu tragen, beinahe universell. Ursli’s verschneite Suche nach seinem Platz an der Spitze des Umzugs ist untrennbar mit Chalandamarz verbunden.
Für die Einheimische Carmen Baumann hat Chalandamarz eine besondere Bedeutung. „Die rätoromanische Kultur ist Teil meiner Identität“, erklärt sie. „Wir sind eine sprachliche Minderheit mit rund 30’000 Sprechern, und Chalandamarz ist eine der Traditionen, die unsere Identität lebendig hält.“ Der Tag bewegt sie jedes Jahr aufs Neue. „Am 1. März vom Vogelgezwitscher und dem sanften Klang der Glocken geweckt zu werden, lässt mein Herz noch immer höherschlagen, ebenso wie die bunten Rösas der Kinder, die Kostüme und die Trachten der älteren Mädchen“, erzählt sie. „Im Dorf Champfèr, wo ich aufgewachsen bin, war ich die Älteste in meiner Klasse und durfte die Plumpa, die grösste Glocke, tragen. Darauf war ich sehr stolz.“

Eine lebendige Kultur
Für Reisende, die St. Moritz mit seiner kultivierten Eleganz verbinden, offenbart Chalandamarz eine andere, tiefere Dimension: ein Gefühl von Kontinuität. Eine Erinnerung daran, dass das Engadin unter der glamourösen Oberfläche von Traditionen geprägt ist, die über Generationen gewachsen sind.
Am späten Nachmittag verstummen die Glocken, und die Dörfer kehren zur Ruhe zurück. Der Winter liegt noch auf den Gipfeln. Und doch hat sich etwas verändert. Das Tal atmet auf, und der Frühling liegt leise in der klaren Bergluft.
Chalandamarz 2026 beginnt am Sonntag, 1. März, um 10.30 Uhr im Zentrum von St. Moritz auf der Plaza da Scoula. Um 15.30 Uhr ist der Umzug auch im benachbarten Pontresina zu sehen.
Veröffentlicht in Februar 2026
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